
Bild 89010512 um 1930
Das Steinmaier-Bärbele aus dem Bäckagässle holt ihre Kirbekuchen vom „Wägnerbeck“, dem Wollpert-Heinrich neben der Kirche, ab. Dort hat sie die Kuchen ausbacken lassen. Drei große Kuchenbleche kann sie Tragen.

Bild 89061013 Harrer um 1962
In der Dorfstraße, vor dem Haus Kern/Hausensteiner Nr. 19, holt Barbara K. zwei Kuchen vom Bäcker Kuttler ab. Sie braucht nur über die Straße zu gehen, zum Kuttler-Ewald ist es nicht weit. Damals gab es in Wannweil vier Handwerksbäcker.
Erinnerungen einer Bäckerstochter an die Kirbe
Anna Ott geborene Wollpert, Tochter des Wannweiler Bäckermeisters Heinrich Wollpert erinnert sich:
Wenn die Herbstarbeit bei den Bauern auf dem Feld zu Ende war, dann feierte man Kirchweih, genannt Kirbe, früher auch Sichelhenke. Die beiden Tage vor der Kirbe waren sehr hektisch. Zu der normalen Hausarbeit kam noch die Zubereitung der vielen Apfel-, Zwetschgen-, Quark-, Rahm-, Grieß-, Kraut- und Zwiebelkuchen. Kraut- und Zwiebelkuchen wurden dann gleich warm zum Mittagessen und Abendvesper gegessen. Diese zwei Tage gab es kein schwarzes Brot, weil der Bäcker seinen Ofen den ganzen Tag mit kuchenbacken belegt hatte. Bei den meisten Familien gab es nur an der Kirbe Kuchen, deshalb buk die Hausfrau gleich 10 bis 15 große runde Kuchen. Die Kuchenbleche wurden vom Bäcker oder von der Nachbarin ausgeliehen, man half sich gegenseitig aus. Beim Bäcker musste man vorher schon um einen Termin fürs backen fragen, weil der Bäcker pro Stunde nur etwa 15 bis 20 Kuchen einschießen konnte. Der Transport vom Haus zum Bäcker konnte nicht mit dem Handwagen durchgeführt werden, die Kuchen wären darin zu arg geschüttelt werden. Die Kinder mussten oft tragen helfen, die Hausfrau konnte drei Kuchen tragen, zwei unter dem Arm, einer auf dem Kopf. Geschickte Frauen trugen auf einem Brett mehrere Kuchen auf dem Kopf. Die „Tälesfrauen“ von Kirchentellinsfurt, welche den weitesten Weg zum Bäcker hatten, luden ihre Teigschüsseln und Hafen auf einen großen Handwagen und wellten und belegten ihre Kuchen beim Bäcker. Ihre Krautkuchen schnitten sie gleich in der Bäckerei an, der Bäcker stiftete den Most zum Imbiss.
So ging es zwei Tage hoch her. Nachdem der Ort an das Reutlinger Stadtgasnetz angeschlossen wurde und die meisten Haushalte einen eigenen Gasherd mit Backofen besaßen, ging das Lohnbacken in der Bäckerei zurück. Ihre Schwarzbrotlaibe brachten die Hausfrauen jedoch nach wie vor zum Ausbacken. Die großen Laibe, wie sie für die ganze Familie benötigt wurden, konnten im Haushaltsherd nicht so recht ausgebacken werden. Mit dem Rückgang der Landwirtschaft ließ auch das selberbacken nach, immer weniger Frauen brachten ihr Brot zum Bäcker, in den 80er-Jahren hörte das Lohnbacken ganz auf. Am Kirbe-Sonntag kamen dann die Verwandten aus der Stadt zum traditionellen Kuchenessen, dazu gab es dann neuen süßen Most. Die Kirbekuchen waren meist aus Hefeteig, belegt mit eigenem Obst. Eine Frau, die Luise, welche keine Zwetschgen mehr hatte, machte einen Zwetschgen-Mußkuchen, dazu wurden gedörrte Zwetschgen einfach aufgekocht. Käsekuchen wurde aus eigenem Quark hergestellt. Es gab auch dicke Kuchen aus Weißmehl mit Fett und Milch, mit Eigelb bestrichen und mit Kümmel und Salz bestreut. Bekannt war dieses Brot als eingeschlagener Kuchen. Eine alte Frau war dem Weinen nahe, als der Bäcker ihn leicht anbrennen ließ.