50 Jahre Diakoniestation Härten und Wiedergründung des Krankenpflegevereins

Vortrag im Gemeindehaus am 10.02.2026

Teil 1 bis zur Wiedergründung (Walter Ott)

Die Gründerjahre des Deutschen Reiches 1871 veränderten vieles im Land. Die Goldmark wurde eingeführt, es entstanden Sparkassen, Krankenkassen, Genossenschaften und viele Vereine wurden gegründet. Es entwickelte sich ein Staatswesen, wie wir es heute kennen. Diese Zeitepoche möchte ich auf Wannweil bezogen, etwas beleuchten.

Wenn wir heute die Diakoniestation Härten erwähnen, denken wir nicht unbedingt an Diakonissen. Diese von einem evangelischen Mutterhaus entsandten Schwestern versahen in Wannweil von 1919 bis 1978 fast durchgehend ihren Dienst an Kranken und Pflegebedürftigen. Nach der Gründung eines Krankenpflegevereins im März 1919 wurde schon auf 1. April 1919 eine Diakonisse angestellt. Der Verein begann mit 330 Mitgliedern, der Jahresbeitrag betrug 3 Mark. Zanzinger schreibt später in seiner Ortschronik:
Auf 1. April 1919 wurde hier ein privater Krankenpflegeverein gegründet und eine Krankenschwester angestellt. Ein etwaiges Defizit des Vereins trägt die Gemeindekasse, auch beschafft die Gemeinde die Einrichtungsgegenstände, sie verbleiben jedoch im Eigentum der Gemeinde.
Vor der Gründung gab es seit Oktober 1899 in Reutlingen einen Verein für Krankenpflege im Oberamtsbezirk Reutlingen stationiert wurden Schwestern in Reutlingen, Pfullingen und Erpfingen. Dem Stationsort Reutlingen werden zugeteilt die Landgemeinden Betzingen, Bronnweiler, Gomaringen, Ohmenhausen Stockach und Wannweil. Gesuche um Dienstleistungen sind beim jeweiligen Pfarramt vorzulegen. Über die Situation damals und was die hiesige Bevölkerung für Sorgen und Nöte hatte möchte ich berichten, Wannweil zählte 1919 eine Einwohnerzahl von 1.650 Seelen. Das Durchschnittsalter der ältesten Verstorbenen war etwa 82 Jahre, zum Vergleich: 2025 wurden hier 3 Personen über 98 Jahre beerdigt. Die Menschen wurden damals nicht so alt, viele Krankheiten kannte man noch nicht und konnte sie natürlich auch nicht behandeln.
In dieser Zeit nach dem Weltkrieg, heute nennt am ihn den 1. Weltkrieg, wurden auch an anderen Orten Krankenpflegevereine gegründet, zeitgleich auch in Ohmenhausen.
57 meist junge Männer starben im Krieg und an dessen Folgen. Davon 14 Familienväter. 18 Kriegerwitwen zählte man, 14 alleinerziehende Mütter mussten schauen, wie sie zurechtkamen. Viele mussten nun allein mit ihrer Landwirtschaft fertig werden, gingen sogar in die Fabrik und waren auf Nachbarschaftshilfe angewiesen. Wiederverheiratung nach der Trauerzeit war schwierig, es gab einfach nicht genug gesunde ledige Männer. Es ist kein Wunder, dass in dieser Zeit auch der erste Kindergarten als Fabrikkindergarten, gegründet wurde. Viele Kriegsheimkehrer waren traumatisiert, hatten ein Bein oder einen Arm verloren. Ich kannte sie noch, auch den blinden Jakob, der sein Augenlicht verlor. Über 30 Elternpaare konnten nicht mehr auf eine Schwiegertochter hoffen, welche einen im Alter vielleicht pflegen konnte. Allein die Familie Karl Herrmann verlor 3 Söhne. Johannes Kämmerle war nach seiner Rückkehr aus französischer Gefangenschaft nicht mehr voll arbeitsfähig.
Ärztliche Hilfe fand man damals in der Stadt, die nächsten Ärzte waren in Betzingen, Dr. Felix Dulk, sein Grab besteht auf dem Wannweiler Friedhof noch, konnte nur kurz praktizieren, er fiel 1918 als Feldarzt an der Somme. Dr. Wilhelm Baltisberger und Dr. Hans Roth waren dann für Wannweil zuständig. Erst 1948 eröffnete Dr. Kuno Strohm die erste Arztpraxis in Wannweil, damals im Gemeindehaus.

Dr. Kuno Strohm (1914-1996)


Die Pflege Schwerkranken und altersschwachen Menschen konnte damals innerhalb der Familien geleistet werde. Es gab noch die Großfamilien, oft lebten 3 Generationen in einem Haus. Da gab es dann vielleicht auch noch eine ledige Tante, welche gerne einsprang. Genau 18 Jahre nach der Gründung des Krankenpflegevereins beendete die neue Herrschaft 1937 die kirchliche, diakonische Arbeit. 60 % der Einwohnerschaft (350 Familien) waren Mitglied, Bürgermeister Zanzinger wollte, das die restlichen 40 % auch Anspruch auf Betreuung hat. Hören wir, wie Bürgermeister Zanzinger damals schreibt:
Am 1. April 1937 hat die Gemeinde von dem bisherigen Krankenpflegeverein die Krankenpflegestation übernommen und die Krankenschwester Lina Epple in den Dienst der Gemeinde gestellt. Der Aufwand für die Krankenpflegestation betragt jährlich rund 1.150 RM Auch diese Maßnahme war notwendig, da für eine Industrie- und Arbeiterwohngemeinde in der Größe Wannweils eine Krankenschwester dringend notwendig ist. Es ist nicht mehr als billig, dass der Aufwand für die Krankenpflegestation nicht nur von einem kleinen Kreis von Vereinsmitgliedern getragen wird, sondern von der Gesamtheit der Gemeinde. Mit der Übernahme wurde diese segensreiche Arbeit allen Gemeindeeinwohnern unentgeltlich zur Verfügung gestellt.

Gemeindehaus 1938


Damit war die ev. Kirche gewissermaßen nicht mehr zuständig. Der Verein unter Vorsitz des Ortspfarrers Bausch und dem Rechner, Oberlehrer Saur, war aufgelöst, bereits bezahlte Beiträge (3,60 RM im Jahr) und Kirchenopfer wurden zurückgezahlt. Die Gemeinde führte die Arbeit der Krankenpflege in eigener Regie fort, Beiträge wurden weiterhin erhoben. Die Diakonisse Lina Epple, 63 Jahre alt, wurde übernommen. Im neuerbauten Gemeindehaus wurde eine Schwesterwohnung eingerichtet. Im Vertrag steht: „Für den Fall der Mobilmachung des deutschen Heeres behält sich die Diakonissenanstalt das Recht vor, die Schwester ohne Ersatz über die Dauer des Krieges abzuberufen“. Schwester Lina ging nicht in den Ruhestand und es kam keine NSV-Schwester als Nachfolgerin. Am 1 Mai 1944 wurde Schwester Lina Epple für ihre 25jährige Tätigkeit in Wannweil geehrt. Schwester Lina schreibt: Im Jahr 38 auf 39 habe ich 346 Kranke versorgt in 6 Tage und 3 Nächte und 4177 Besuche (gemacht). 1938 musste sie für ihre Personalakte bei der Gemeinde angeben ob sie Mitglied in einer NS-Organisation ist. Sie hat nur eine Mitgliedschaft beim „Volksbund für das Deutschtum im Ausland“ angegeben.
Aber: Die Diakonissen kamen wieder. Nachdem 1933 auch in Wannweil die Welt auf den Kopfgestellt, und 1947 neu geordnet wurde. 1947 wurde vom Amt für Vororte in Reutlingen neue Verträge mit der Diakonissenanstalt Stuttgart ausgehandelt.1950 beantragte Gemeinde-Krankenschwester Luise Zink dass ihre Wohnung im Gemeindehaus hergerichtet werden soll.

BM Albert Zanzinger
1907-1942

1956 kam mit Schwester Anna eine Legende nach Wannweil. Sie wohnte dann in der Marienstraße 82 bei Familie Kern. Die Diakonisse Anna Feucht, Jahrgang 1905 versah 20 Jahre lang ihren Dienst. Einige von Euch werden sich noch erinnern, wie sie bei Wind und Wetter mit ihrem Moped Hausbesuche machte. Hat jemand den DEFA-Film „Schwester Agnes“ gesehen? Es war kein Meisterwerk, aber zeigt wie damals das Leben einer Gemeindeschwester aussah. Übrigens hatte Schwester Anna nur 2 Vorgängerinnen. Schwester Lina Epple und Luise Zink.Als Schwester Hanna 1976 Schwester Anna ablöste, war die Krankenpflegegeschichte im Umbruch-Das ist aber eine andere, spannende Geschichte.

Gemeindeschwester Anna. Kurzfilm, Ausschnitt aus Gemeindefilm 1962

Teil 2 Wiedergründung 1978 (Hauke Petersen)

50 Jahre Diakoniestation und Wiedergründung des Krankenpflegevereins

1969 die Wannweiler Schwesternstation, wie sie damals genannt wurde, feiert 50jähriges Jubiläum

1974 Schwester Anna geht in den Ruhestand, die Krankenpflegestation ist verwaist
Hilfe leistet die Hauspflege und Nachbarschaftshilfe, geleitet von Frau Geiger

1975 Bürgermeister Scherret teilt im Gemeindeboten mit:
1974 hat die AOK noch einen Zuschuss von 8000 Mark gegeben. Der wurde 1975 gestrichen. Mit Diakonissen hätte man weniger Geld gebraucht, aber die seien nicht mehr zu bekommen. Im Oktober beschließt der Gemeinderat, einen Krankenpflegeverein zu gründen.

1976 In Kusterdingen wird die Diakoniestation Härten gegründet, sie umfasst alle Härtengemeinden.
In einem Rückblick am Jahresende schreibt der Kusterdinger Pfarrer Kaiser:
Wir haben uns vom Diakonischen Werk Stuttgart beraten lassen und wurden eins, dass die Diakoniestation nicht nur die Härten, sondern auch Wannweil und Kusterdingen mit einbezieht. Sie heißt bisher Diakoniestation Härten und wird wahrscheinlich in Zukunft Diakoniestation Härten-Echaz heißen. So wurde es von Kirchentellinsfurt und Wannweil beantragt und dem Unterzeichneten jedenfalls ist dieser Gedanke schon vorher gekommen.
Im September wird im Wannweiler Gemeinderat der Beschluss gefasst, die verwaiste Krankenpflegestation mit einer Halbtagsschwester zusammen mit Kusterdingen zu betreiben. Nach einem halben Jahr soll überprüft werden, ob eine Halbtagsschwester ausreicht. Behandlungsraum Einfahrtstraße 10, Telefon vorläufig über Pfarramt Kusterdingen.
Es wird zur Gründung eines Krankenpflegevereins als Förderverein aufgerufen mit Jahres beiträgen von 20 bzw, 30 Mark (Familien) Für eine Injektion beispielsweise zahlen Mitglieder 3 Mark, Nichtmitglieder 4 Mark.

1977 Am 20.Januar erscheint ein Artikel im GEA mit der Überschrift:
Krankenschwester hat noch zu wenig Arbeit.
Woran liegt das
Ein Grund ist schnell gefunden: Man möchte den Geldbeutel nicht zweimal aufmachen.
Als Schwester Anna noch mit dem Moped durchs Dorf fuhr, war die Behandlung durch die Schwester kostenlos.
„Ich kann nicht verstehen, warum man eine Schwester rufen soll, deren Dienst man bezahlen muss. Da nehm ich doch lieber einen Arzt, weil da die Krankenkasse alles bezahlt“
Und Eintreten in den Krankenpflege-Förderverein?
Nichtmitglieder zahlen grad mal eine Mark mehr, auf die Mark kommt es mir nicht an.
Und warum kann der Beitrag für den Förderverein nicht genutzt werden, um die Krankenschwester voll zu bezahlen?
Wannweil ist zwar der Diakoniestation Härten beigetreten, die erfüllt auch die Anforderungen für eine sogenannte staatlich gefördert Sozialstation, aber die Genehmigung aus Stuttgart liegt noch nicht vor.
Und so bleibt der Geldbeutel eher zu und Schwester Hanna ist mit ihrem Halbtagsjob nicht ausgelastet,

1978 Endlich ist es soweit: Am 15. März kommen 50 interessierte Bürgerinnen und Bürger
zusammen und gründen den Krankenpflegeverein Wannweil. Es ist niemandem bewusst, dass dies eine Wiedergründung ist, dass Wissen um den 1919 gegründeten Verein war verloren gegangen. Bürgermeister Scherret erläutert zu Beginn, warum der Krankenpflegeverein Wannweil jetzt gegründet werden kann:
1976 hat man zwar mit Kusterdingen und Kirchentellinsfurt zusammen eine Sozialstation gegründet, die Diakoniestation Härten, weil eine Sozialstation bestimmte Auflagen erfüllt mit Personal und Sachausstattung und deshalb viel intensiver unterstützt wird als eine einzelne Krankenpflegestation. Aber erst im Januar 1978 kam der Bescheid aus Stuttgart, dass die Diakoniestation Härten als Sozialstation anerkannt ist. Wer schon in den Krankenpflege-Förderverein eingetreten ist, wird als Mitglied in den neu gegründeten Krankenpflegeverein übernommen.
Die Diakoniestation Härten ist mir drei Krankenschwestern besetzt, die Krankenpflegestationen in den drei Teilorten bleiben selbständig, die teuren angeschafften Geräte werden aber gemeinsam benutzt, Schwester Hanna wird gefragt, ob sie sich überfordert fühle. Sie sagt Nein und verweist auf eine Tübinger Kollegin, die 19 000 Einwohner allein betreuen muss.
Die Hauspflege- und Nachbarschaftshilfe wird Teil der Sozialstation,
Mit der Anerkennung durch Stuttgart macht es jetzt endlich Sinn, in der Krankenpflegeverein einzutreten: Nichtmitglieder müssen die Leistungen der Krankenschwester bezahlen, Mitglieder zahlen nichts.
So muss man sich nicht über die Zahl der Mitglieder wundern.
Bei der Gründung waren es 383 Mitglieder, am Jahresende 1978 schon 625. Der Höchsstand wurde übrigens 1990 mit 1040 Mitgliedern erreicht.
Jetzt sind es noch etwa 300 Mitglieder.

Wie grundlegend sich die Verhältnisse geändert haben, sehen wir, wenn für 19 000 Einwohner eine Krankenschwester reicht, und eine Halbtagsschwester 1977 in Wannweil nicht ausgelastet ist. In den 80er Jahren beschließt man, ab 75 Jahren Jubilarsbesuche zu machen. Das sind bei uns jetzt schon die jüngeren Mitglieder, wir fangen erst bei 80 an und haben eine ganze Reihe der 95 bis 100 jährigen zu besuchen

Der Krankenpflegeverein hatte es sich auch zur Aufgabe gemacht, in Not geratene Mitbürger zu unterstützen, hatte das auch in der Satzung festgelegt.

Der Wandel vom Hauspflege- und Nachbarschaftshilfeverein zur Organisation innerhalb der Diakoniestation:

Der Verein ist noch aus dem Dorfleben heraus gewachsen. Frauen, die zur Hilfe bereit waren, wurden von einer Stuttgarter Krankenschwester in Grundlagen der Krankenpflege geschult, erhielten dann 50 Pfennig die Stunde. Auf die Uhr wurde aber nicht groß geachtet, da gab es auch sonntags Hilfe. Und die Kinder wurden mit ins Haus genommen und durften solange unter dem Tisch spielen.
Wenn die Stunden aufgeschrieben wurden, konnte schon ein kleines Sümmchen zusammen kommen. Eine ehemalige Mitarbeiterin erzählte auf einer Veranstaltung zum 25jährigen Jubiläum des Krankenpflegevereins: „Da schimpfte dann der Hausherr, als er die Summe erfuhr, wie ein Ringelspatz. „Du Luder, du Lumpenmensch, du Scheinheilige.“

Mit zitternden Knien ging sie am nächsten Tag auf Geheiß der Leiterin des Vereins wieder hin „Du kascht se net hänge lassa!“

Der gestern noch erboste Hausherr zeigt sich zur Versöhnung bereit und holte einen Eukalyptusbonbon aus dem Hosensack.: „Kascht mr net wiedr a Fischsupp kocha?“

Dass jetzt mit der Gründung der Diakoniestation auch mehr Regeln und Vorschriften gelten sollten, machte aber den Helferinnen des Vereins zu schaffen und es gab manche Konflikte: „Wenn i an dr Emma ihrem Haus vorbeigang und se schrait zum Fenschdr naus ‚ Kasch mr net

d’Hoor kämme? I krieg noh B‘suach!’ D ko i doch net z’Kusterdenga arufa un froge, ob i des derf“

Der Fortschritt bringt Veränderungen mit sich, die nicht nur positiv erlebt werden.